Meet-the-Expert - Psychische Begleiterkrankungen bei MS

Wir haben Fragen und Antworten der August-Chatstunde für Sie mitgeschrieben!

Im August fand eine Expertenchatstunde der Reihe "Meet-the-Expert" zum Thema Psychische Begleiterkrankungen bei MS statt. Dieses mal hat sich Dipl.-Psych. Katrin Engelbrecht als Expertin zum Thema zur Verfügung gestellt und alle Fragen, die die Teilnehmenden gestellt haben, beantwortet. Für die Interessierten, die die Chatstunde verpasst haben oder die Fragen nochmal nachlesen möchten, haben wir mitgeschrieben und Sie können in diesem Rückblick einige Fragen und Antworten nachlesen!

 

Begleiterkrankungen außer Depression 

F: Welche Begleiterkrankungen gibt es außer der Depression, worauf sollte man achten? 

A: Die Depression ist eine der häufigsten psychischen Begleiterkrankung bei MS, aber auch Ängste, bipolare Störungen, Psychosen und Zwangserkrankungen treten häufiger auf als in der Allgemeinbevölkerung. Bei auftretenden Symptomen ist es sinnvoll sich eine fachliche Einschätzung einzuholen, z.B. beim Psychiater oder Neurologen, ggf. zunächst auch beim Hausarzt. Auch PsychotherapeutInnen sind mögliche Ansprechpartner. 

Behandlungskonzepte bei MS 

F: Hallo, wird die Begleiterkrankung (z.B. eine Panikstörung) bei MS anders behandelt als ohne die MS? 

A: Es gibt tatsächlich bisher keine MS-spezifischen Behandlungskonzepte für die psychotherapeutische Behandlung von Ängsten. Die Grundprinzipien der Behandlung sind identisch und müssen dann entsprechend individuell an die Voraussetzungen der PatientInnen angepasst werden. 

Förderung der psychischen Gesundheit 

F: Was kann man Ihrer Meinung nach vorsorglich unternehmen, um die psychische Stabilität zu fördern? 

A: Grundsätzlich gilt ein gesunder Lebensstil als wichtige Basis auch für die psychische Gesundheit, dazu zählen Bewegung und Sport angepasst an die Schwere der körperlichen Beeinträchtigung, eine Balance zwischen Aktivierung und Erholung, soziale Kontakte, eine Tagesstruktur, ausreichend angenehme Aktivitäten, Verzicht auf übermäßigen Alkoholkonsum oder anderen Substanzkonsum etc.. Dazu ist es oft hilfreich, ein Tagebuch zu führen. Insbesondere Bewegung und Sport kommt dabei eine entscheidende Rolle zu, was bereits in zahlreichen Studien belegt ist. 

F: Welche Aufgabe hat das Tagebuch dabei? 

A: Das Tagebuch kann zunächst als Bestandsaufnahme dienen und hilft im Verlauf dabei, Zeitfenster für bestimmte Aktivitäten fest einzuplanen und damit die Umsetzung eines gesunden Lebensstils unterstützen. Rückwirkend lässt sich so leichter feststellen, was gutgetan hat und was eine Über- oder Unterbelastung verursacht hat. 

F: Das ist interessant - ich habe schon manchmal den Eindruck, das körperliche und geistige Unterforderung sich negativ auswirkt. Allerdings bemerke ich die Überforderung mittlerweile recht zuverlässig und kann das auch vorhersehen. Die Unterforderung erkenne ich jedoch immer erst im Nachhinein. 

A: Ein Wochenplan kann das Bewusstsein für Unterforderung stärken, da wir oft dazu neigen, uns stärker auf die Überforderung zu konzentrieren. Eine kleine Liste mit möglichen Aktivitäten ist hilfreich, um im Fall der Fälle eine zusätzliche Aktivität (z.B. moderate Bewegung) einfügen zu können.

Achtsamkeitsbasierte Interventionen 

F: Halten Sie Achtsamkeitsprogramme für hilfreich? Ich meine die professionell geführten Reihen. Oder Meditationsseminare, wie sie von den Krankenkassen auch online angeboten werden. 

A: In den aktuellen Studien zur Behandlung von Ängsten und Depressionen mit achtsamkeitsbasierten Interventionen bei MS konnten positive Effekte festgestellt werden. Ich empfehle in meinen Therapien die Teilnahme an MBSR-Kursen sehr häufig, um die Selbstwahrnehmung zu verbessern. Allerdings halte ich Präsenzkurse für effektiver als online-Angebote. 

Depressionsbehandlung nach Diagnose

F: Nach meiner Diagnose im Jahr 2003 und einem schweren Schub in 2004 wurde bei mir eine Depression diagnostiziert, die mit Medikamenten behandelt wurde. Inzwischen bin ich seit Jahren mit dem Präparat Fluoxetin gut "eingestellt". 

Es gibt ja einen Unterschied zwischen der reaktiven Depression, also der Depression, die sich aufgrund der Diagnose und der damit verbundenen Unsicherheit etc. einstellen kann. Aber es gibt auch die Depression aufgrund struktureller Veränderungen im Gehirn durch die MS. Lässt sich hier eine differenzierte Diagnose stellen?

A: Meines Wissens nach sind diese Zusammenhänge noch nicht eindeutig geklärt. Vielleicht sind die ärztlichen Kollegen da informierter. Für die Diagnose der Depression spielt die Ursache auch streng genommen keine Rolle, sondern zunächst nur die Tatsache, dass bestimmte Symptome zusammen auftreten. Auch die Behandlung der Depression würde sich dadurch nicht grundsätzlich unterscheiden. Leider ist es immer noch häufig so, dass eine Stigmatisierung mit psychischen Erkrankungen verbunden ist und die eigene Akzeptanz z.B. für eine Depression erschwert.

Redaktion: DMSG-AKADEMIE - 30.12.2025