Im Juli fand eine Expertenchatstunde der Reihe "Meet-the-Expert" zum Thema Mit Fatigue Symptomatik umgehen statt. Dieses mal hat sich Dr. med. Juliane Klehmet, Fachärztin für Neurologie am jüdischen Krankenhaus Berlin, als Expertin zum Thema zur Verfügung gestellt und alle Fragen, die die Teilnehmenden gestellt haben, beantwortet. Da die Expertin nur eine Stunde für die Fragen Zeit hatte, hat sie uns im Vorhinein Infos zum Thema Fatigue zur Verfügung gestellt, die wir in der ersten Stunde mit den Teilnehmenden geteilt haben. Für die Interessierten, die die Chatstunde verpasst haben oder die Fragen nochmal nachlesen möchten, haben wir mitgeschrieben und Sie können in diesem Rückblick einige Fragen und Antworten nachlesen!
Informationsinput vor dem Frage-Antwort-Segment
Fatigue "gestern" vs. Fatigue-Verständnis heute
Fatigue "gestern":
- „Neurasthenie“
- überproportionale Müdigkeit, Angst, Schmerzen, Depression, sexuelle Dysfunktion, Neuralgie aus nervöser Erschöpfung durch interne oder externe Stressoren
- „the disease of modern civilization“ - George Miller Beard (1839–1883)
Fatigue-Verständnis heute:
- Extreme und persistierende mentale und/oder physische Müdigkeit, Schwäche oder Erschöpfung
- Keine konkreten diagnostischen Kriterien, kein Biomarker
- Motorische versus kognitive Domäne
- Zentraler oder peripherer Ursprung
- Subjektive Empfindung und Schwere der objektiv messbaren körperlichen und kognitiven Ermüdungsanfälligkeit (fatigability) nicht identisch
(Dittner et al. 2004; Penner et al. 2017; Chaudury et al. 2004)
Allgemeine Klassifikation der Fatigue
Motorische Fatigue:
- rasche körperliche Erschöpfung
- undeutliche Aussprache
- Unfähigkeit Alltagstätigkeiten zu Ende zu führen
Kognitive Fatigue:
- Verringerte Aufmerksamkeit
- Verlängerte Reaktionszeit
- Konzentrationsstörungen
- Gedächtnisstörungen
- Wortfindungsstörungen
Auch die (Peri)Menopause kann Fatigue verursachen!
Fatigue und MS
Die Fatigue ist das häufigste und beeinträchtigende Symptom bei der MS (50-95%). Sie tritt oft bereits im Frühstadium der Erkrankung auf und besteht aus reversiblen kognitiven oder physischen Beeinträchtigung einhergehend mit reduzierter Motivation und Ruhebedürfnis, begünstigt durch physische Aktivität, Wärme, Feuchtigkeit, Infektion. Bei vielen Betroffenen ist die Fatigue nachmittags schlechter als vormittags und wird durch Pausen besser.
Fatigue ist für MS-Patienten der wichtigste Faktor, der die Teilhabe am normalen Leben limitiert. Sie ist ein Hauptsymptom bei der MS und Hauptursache für Einschränkung der Teilhabe und Frühberentung von Erkrankten.
Therapieansätze bei Fatigue
Nach aktueller Metaanalyse hat die medikamentöse Therapie keinen Effekt auf die Fatigue. Evidenzbasierte pharmakologische Therapien fehlen bis heute.
Nicht-pharmakologische Ansätze sind Kühlanwendung, Entspannungstechniken, neurokognitive Techniken, Aufmerksamkeitstraining, Ausdauertraining, Ernährungsumstellung.
Fatigue Definition und Folgen
Die Fatigue ist ein…
…subjektiv wahrgenommener Mangel an physischer oder psychischer Energie.
…Missverhältnis zwischen subjektiv wahrgenommener Erschöpfung und dem dazu geringeren, objektivierbaren Erschöpfungsanlass.
…krankhaftes Erschöpfungsgefühl.
Ihre möglichen Folgen können unter anderem Apathie, Reizbarkeit, Muskelschmerzen, Gedächtnisprobleme, Konzentrationsprobleme und Schlafstörungen sein.
Frage-Antwort-Segment
MS-spezifische Fatigue
Frage: Gibt es eine MS-spezifische Fatigue, einen Unterschied zu anderen Formen der Erschöpfung und Müdigkeit?
Ich werde meistens den ganzen Tag nicht richtig wach - egal, wann ich aufstehe, oder wie lang ich geschlafen habe. Tagsüber bin ich immer wieder am Einschlafen, fühle mich wie betäubt. Das beeinträchtigt meinen Alltag und meine Lebensqualität erheblich. Was kann ich tun, damit nicht alles irgendwie "an mir vorbeigeht"?
Antwort: Es gibt Fatigue auch bei anderen chronischen Erkrankungen und auch bei Krebserkrankungen. Man unterscheidet zudem zwischen körperlicher und mentaler Erschöpfung. Bei Ihnen scheint beides vorzuliegen. Die Empfehlungen sind im Grunde immer gleich: Energieressourcenmanagement (nehmen sie sich immer nur ein bisschen vor, aber ziehen Sie sich nicht komplett zurück), Sport (wenn möglich 3xWoche, Ausdauer und Krafttraining natürlich der individuellen Situation angepasst) und Kühlung. Ich kenne einigen Patienten, die mit kalten Duschen deutlich besser durch den Tag kommen. Andere schwören auch auf Kältetherapien. Modafinil kann manchmal bei mentaler Fatigue helfen, ist aber off label und wird nicht von der Krankenkasse übernommen.
Fatigue im Krankheitsverlauf
Frage: Ändert sich die Intensität der Fatigue im Verlauf ? Und kann sich auch die kognitive zur muskulären Fatigue entwickeln ?
Antwort:Nicht direkt. Eine Fatigue kann mit zunehmender körperlicher Behinderung zunehmen. Insofern könnte ich mir vorstellen, dass sich eher die körperliche Fatigue im Verlauf der Erkrankung steigern kann.
Medikamente für Fatigue
Frage: Ist es absehbar, dass es irgendwann ein Medikament gegen Fatigue geben könnte?
Antwort: Ja, daran wird leider schon seit vielen Jahren vergebens geforscht. Da ich davon ausgehe, dass eine ganze Reihe von unterschiedlichen Faktoren gibt, die die Fatigue auslösen, bin ich da eher kritisch, was die Perspektive einer medikamentösen Therapie bei MS-bedingter Fatigue angeht.
Persönliche Meinung zur Fatigueursache
Frage: Was halten Sie persönlich für die Ursache von Fatigue
Antwort:Ich denke, es ist eine Mix aus direkter zentralnervöser Schädigung (Zerstörung bestimmter kortikal-subkortikaler Bahnen, Aktivierung größerer Hirnareale, Zytokinausschüttung
Dysregulation des neuroendokrinen Systems) und indirekten Folgen (muskulärer Überbeanspruchung, kognitive Beeinträchtigung, Schlafstörungen, Medikamentennebenwirkungen). Möglicherweise auch immunologisch getriggert, allerdings würde ich hier dann eine überzeugendere Wirkung unserer MS-Medikamente erwarten. Möglicherweise auch anlagebedingt: Einige Menschen leiden sehr unter Fatigue, andere gar nicht oder nehmen es vielleicht auch nicht so wahr...
Forschung und Fatigue
Frage: Das Thema Fatigue ist durch Covid ein bisschen mehr in den Fokus gerückt. Können wir hoffen, dass es in die Richtung evtl. noch mehr Forschung und damit Fortschritte gibt? Oder handelt es sich um zwei verschiedene "Erkrankungen"?
Antwort: MS-bedingte Fatigue ist wie bei anderen Autoimmunerkrankungen oder auch Krebserkrankungen nicht dasselbe wie ME-CFS. Es gibt aber zu der MS-bedingten Fatigue viele Studien. Die MS ist zudem prognostisch mittlerweile deutlich besser durch den Einsatz hocheffektiver Medikamente und auch Lebensstilmodifikation geworden, so dass die bei schwerer Beeinträchtigung begünstigte Fatigue hoffentlich auch besser wird. Zudem wird es ja in Zukunft auch Medikamente geben, die besser auf den progredienten Krankheitsverlauf wirken. Ich habe daher die Hoffnung, dass auch die Fatigue besser beeinflusst werden kann.
Frage: Vielen Dank für die Info - das hatte ich mir schon fast gedacht, dass es sich da um "2 verschiedene Paar Schuhe" handelt. Steht denn die Fatigue im Zusammenhang mit einem progredienten Krankheitsverlauf?
Antwort: Ja, die Fatigue wird teilweise auch als ein Merkmal des progredienten schubunabhängigen Verlaufs gesehen. Da aber die Fatigue auch wieder besser werden kann (was man ja bei einer progredienten MS so nicht erwarten würden), bin ich mir da persönlich nicht so sicher. Fakt ist aber, dass die Fatigue bei körperlich mehr beeinträchtigten Patienten stärker ausgeprägt ist. Also, je besser der Verlauf, desto besser auch die Prognose, was Fatigue angeht.
Wann ist zu viel zu viel?
Frage: Woher soll ich wissen, wann zu viel, zu viel ist, wann ich eine Pause machen sollte, wenn eine Erschöpfung auch erst Stunden oder Tage nach der Anstrengung Auftritt? Ich weiß leider absolut nicht, woher ich dann wissen soll, was dieses "zu viel" war, wo ich hätte eine Pause machen müssen.
Antwort: Das ist eine sehr berechtigte Frage. Ich würde Ihnen eine gute auf Fatigue und MS-spezialisierte Reha empfehlen, wo man sich individuell auf Sie einstellen kann und auch länger beobachten kann. Das kann Ihnen helfen, sich und Ihre Ressourcen selbst besser einzuschätzen. Ich habe die Beobachtung gemacht, dass Fatigue nicht statisch ist, d.h. es kann durchaus deutlich besser werden.
Fatigue wird schlimmer
Frage: Meine Fatigue wird immer schlimmer, ich schlafe einfach ein und kann dagegen nichts machen. Hat hier vielleicht jemand eine Idee?
Antwort: Versuchen Sie zunächst einmal, Ihre Energieressourcen sorgfältig einzuteilen. Kühlung ist ganz wichtig und regelmäßige sportliche Betätigung. Das setzt aber natürlich voraus, dass sie nicht auch noch unter Tagesmüdigkeit leiden, die durch einen unzureichenden Schlaf verursacht wird. Manchmal hilft es auch, sich ein oder zwei Wochen ganz bewusst herauszunehmen.
Warme Temperaturen
Frage: Ich lebe mit Fatigue, die sich bei warmen Temperaturen stark verschlechtert (z. B. bleierne Müdigkeit, Konzentrationsprobleme, Kraftlosigkeit), was meinen Alltag und meine Selbstversorgung deutlich einschränkt.
Meine Frage: Hat es Sinn, bei Fatigue, die sich bei Hitze verschlechtert, eine Klimaanlage als wohnumfeldverbessernde Maßnahme über die Pflegeversicherung zu beantragen?
Hat jemand damit Erfahrungen oder weiß, ob Fatigue als Begründung in solchen Fällen anerkannt wird?
Antwort: Grundsätzlich macht es auf jeden Fall Sinn, für Kühlung zu sorgen. In anderen Ländern sind Klimaanlagen sicherlich gängiger als in Deutschland, ich würde es aber auf jeden Fall versuchen. Ihr behandelnder Arzt/Ärztin kann Ihnen sicherlich argumentativ zur Seite stehen.
Redaktion: DMSG-AKADEMIE - 15.07.2025
