Die Challenge-MSler meistern den Obstacle City Run in Berlin

Fünf Teilnehmende erzählen von ihren persönlichen Erfolgen und Erfahrungen.

Die Challenge-MS hat für 20 Teilnehmende am 17. April mit dem ersten Kick-Off Meeting begonnen. Dieses Pilotprojekt, welches über die BAG Selbsthilfe gefördert wurde, zielte darauf ab, eine Gruppe junger Menschen mit MS implizit über Sport bei MS aufzuklären und über die positive Erfahrung eines gemeinsamen Sportevents das eigene Verhalten zu reflektieren und eventuell langfristig zu verändern. Im Fokus stand von Anfang an das gemeinsame Sporttreiben, nicht die Krankheit. Bundesweit haben sich die Teilnehmenden regelmäßig zu Online-Trainings zusammengefunden und unter qualifizierter Anleitung trainiert. Jeder Einzelne erhielt einen individuellen Trainingsplan, um sich gezielt auf die Challenge-MS vorzubereiten. Die Gruppe selbst hat sich per Mehrheitsbeschluss für ein sportliches Event entschieden, welches sie gemeinsam vor Ort miteinander bestreiten wollten: Gewählt wurde der Obstacle City Run in Berlin am 28. September. Auf drei unterschiedlichen Strecken konnten wahlweise drei km, sechs km oder zwölf km mit zahlreichen (freiwilligen) Hindernissen bewältigt werden. Die Erfahrungsberichte und Bilder sprechen für sich, es war für jeden Einzelnen ein magischer Moment mit seiner Gruppe gemeinsam ins Ziel zu laufen. Eine Teilnehmerin, die mittrainiert hat aber am Tag des Obstacle City Runs leider verhindert war, stellte sich daraufhin eine persönliche Challenge und nahm zwei Wochen später an einem Marathon teil. Auch sie berichtet im Folgenden.

Viel Spaß beim Lesen!

Daniela

Ein Traum wurde wahr! Ich kann es immer noch kaum glauben – mein großer Traum ging in Erfüllung! Schon oft habe ich Hindernisläufe gemacht und das pure Adrenalin und die Freude daran genossen. Doch ehrlich gesagt, fühlte ich mich dabei auch oft wie eine Last. Einschränkungen wie „Die Beine kommen nicht hinterher“ oder „Ich bin langsamer“ machten es mir schwer, mit schnelleren Teammitgliedern mitzuhalten. Dieser Gedanke, manchmal eine Bremse zu sein, nagte an mir, obwohl ich den Sport liebte.

Mein größter Wunsch war es deshalb, so einen Lauf einmal mit Gleichgesinnten zu erleben – Menschen, die meine Situation verstehen, ohne dass ich sie groß erklären muss. Und dann geschah es tatsächlich! Ich sah die Anzeige der DMSG und erfuhr, dass ein Event genau für Menschen wie mich organisiert werden sollte. Es war, als hätte ich endlich das Stück Puzzle gefunden, das mir fehlte. Das Gefühl, meinem Traum so nah zu sein, war unbeschreiblich. Noch dazu war alles perfekt durchgeplant: vom gemeinsamen Event über das Training bis hin zur Übernachtung im Hotel. Alle Details wurden für uns organisiert. Schon allein die Trainingszeit, die online stattfand, war eine wunderbare Erfahrung. Es gab motivierende Anfeuerungen und Tipps, und dabei wurde stets darauf geachtet, dass sich niemand überfordert fühlt. Es war ein Team, das einem wirklich zur Seite stand, und nicht nur ein loser zusammengewürfelter Haufen.

Und dann kam das große Event in Berlin. Wir sahen uns zum allerersten Mal live! Bis dahin kannten wir uns nur über den Bildschirm, doch als wir uns begegneten, fühlte es sich überraschend vertraut an. Der Abend davor war eine besondere Zeit voller Herz und Herzlichkeit: Wir lernten uns besser kennen, lachten zusammen, genossen ein gemeinsames Essen und wuchsen als Team zusammen. Ich hatte mich innerlich schon darauf eingestellt, dass ich die 12 Kilometer allein bewältigen müsste. Doch stattdessen fand ich mich in einer unglaublichen Gruppe wieder – ein Team, das aufeinander achtete und füreinander da war. Jeder unterstützte den anderen, motivierte und zog ihn mit, auch wenn es schwer wurde. Selbst der eisige Wind konnte uns nicht aufhalten! Auch wenn wir nicht jedes Hindernis meisterten, war es ein wunderbares Erlebnis. Diese besondere Verbindung, diese Erlebnisse haben mein Herz berührt.

Ich hoffe so sehr, dass wir diese Erfahrung wiederholen können. Vielleicht entstehen sogar kleine Trainingsgruppen, mit denen wir uns für zukünftige Events vorbereiten. Ein solches Erlebnis verbindet auf eine Weise, die Worte kaum beschreiben können.

Alex

Obstacle City Run 2024 am Marathon-Wochenende im Olympiapark zu Berlin. Der 28. September war bereits ein kühler Tag, in direkter Sonne jedoch kaum auszuhalten vor Hitze, unter Wolken aber fror ich. Drei unterschiedlich lange Laufstrecken durch Matsch, Pfützen, Dreck, über Stock und Stein, durch sandiges Gelände, Hindernisse zum Erklettern, zum Hangeln, zum drunter Durchkriechen, zum Schleppen, zum Rutschen in 3 Grad kaltes Wasser, und das Alles in beeindruckender Kulisse. Ich bin mit meinem roten Rollator, Manfred IV, natürlich „nur“ die kurze Distanz mit sehr viel weniger Hindernissen gelaufen. Aber nicht alleine! Denn das hätte ich nicht geschafft. Dieser Hindernislauf in Berlin war bereits mein Zweiter, beim ersten vor fünf Jahren war ich noch nicht auf eine Gehhilfe angewiesen. In dieser Zeit verschlechterte sich meine Motorik immens. Meine Gehfähigkeit und die vormals vorhandene Fitness haben sich nicht einmal verabschiedet, sondern verblassen immer mehr. Wie gut aber, dass es zugewandte Menschen gibt, die sich im Zuge unserer Selbsthilfe der DMSG für uns Betroffene wohlwollend engagieren. Ohne deren Unterstützung hätte ich tatsächlich an dieser wirklich tollen Veranstaltung nicht teilgenommen. Als erstes hätte ich das ganze organisatorische Drumherum nicht bewerkstelligen können und zweitens hätte ich den 3 km Marsch, der selbstverständlich sehr viel länger gewesen ist, nicht durchgehalten (zum Start muss man ja auch hinlaufen, sowas wie eine Pflegedrohne gibt es wohl noch nicht). Doch Stephi hat einen sehr kämpferischen und resoluten Blick. Ich hatte keine Zeit zu überlegen, ob ich denn jetzt zögern möchte, da fühlte ich mich sogleich unter größtmöglicher Anstrengung, von Stephi über die rumliegenden Reifen hinweg komplimentiert. Trotzdem war das alles super anstrengend für mich, nicht nur die Temperaturschwankungen wollten mich zum Aufgeben animieren, auch das normale Gehen (von Laufen oder Joggen konnte gar keine Rede sein) ließ meine Beine noch Tage später brennen. Doch die Aussicht auf eine Medaille für übermenschlich Geleistetes ließ mich einfach weitermachen. Endlich im Ziel bekamen Martin und ich unter tosendem Applaus aller Umstehenden die begehrten Medaillen von zwei kleinen, süßen Kindern umgehängt. In diesem Moment musste ich, genau wie vor fünf Jahren schonmal, ein wenig mit den Tränen kämpfen, so unsicher bin ich 3 km lang gewesen. Eigentlich total unnötig, wir Versehrten halten nämlich zusammen. Und wir sind nicht allein.

Lina

Ernährung, Bewegung und Selbstfürsorge finde ich schon seit vielen Jahren enorm wichtig - nicht nur für mich, als Betroffene, als MS-Erkrankte, als Herz-Patientin, als phasenweise mehr oder weniger ängstlich depressive Hochsensible... auch für meine Patienten... meine Mitmenschen... überhaupt. Dafür sollte es keine Diagnose brauchen...

Meine Erkrankung hat mir nur deutlicher gezeigt, wie wichtig es für mich ist, mir die Zeiträume freizuschaufeln mich genau darum zu kümmern. Als ich von dem Projekt gehört habe,, bin ich direkt Feuer und Flamme gewesen, hatte aber ein paar Befürchtungen, dass es bestimmt einen sehr engen Rahmen geben wird, Angst vor Termin-Verpflichtungs-Druck, Erwartungen nicht erfüllen können, möglicher Frust, es nicht zeitlich unterbringen zu können...

  • Keine Befürchtung hat sich bestätigt.
  • Ein lockeres unkomplizierte warmes online Kennenlernen.
  • Einfaches Event finden.
  • Kompakte Wissensvermittlung.
  • Miteinander auf Augenhöhe und doch super professionell.
  • Nie das Gefühl unpassend oder unangemessen zu sein.
  • Alle Befindlichkeiten durften sein

Eine Wohltat zu erfahren, dass die eigenen Erfahrungen nicht nur „mein Feldversuch“ sind, sondern die Wichtigkeit und Nützlichkeit sportlicher Aktivität bei MS wissenschaftlich belegt und empfohlen ist...

  • Tolle Mit-Teilnehmende.
  • Tolles Team.
  • Tolle Organisation.
  • Sachen wagen und sie gemeinsam meistern.
  • Jederzeit wieder.
  • Empfehlenswert.

Es ist mir eine Ehre als Multiplikator, ein klein wenig dazu beitragen zu können, dass vielleicht die ein oder andere Person ähnliche Erfahrungen machen kann.

Caro

Gemeinsam durchs Ziel! Durch die Challenge-MS hatte ich die Chance, mich meiner Erkrankung auf eine ganz andere Art und Weise zu nähern und mich damit auseinanderzusetzen. Meine Diagnose ist erst rund zwei Jahre her und ich bin unglaublich dankbar, dass ich die Möglichkeit hatte, mich mit anderen Betroffenen durch das Projekt auszutauschen und Kontakte zu knüpfen.

Durch die tolle Organisation war es leicht, dass man sich wirklich auf die wichtigen Dinge konzentrieren konnte. Die regelmäßigen Online-Trainings waren ein toller Ansporn und boten für jedes Fitnesslevel unterschiedliche Herangehensweisen. Unsere Athletiktrainerin Johanna und unsere Yoga-Lehrerin Susanne haben einen super Job gemacht, haben motiviert und unterstützt, so dass ich gut ins Schwitzen gekommen bin, aber immer Spaß hatte. Neben den Trainingseinheiten waren auch die theoretischen Anteile durch Stephi äußerst erhellend und eine absolute Bereicherung. Nachdem wir mehrere Monate zusammen uns immer wieder online getroffen haben, war das reale Treffen in Berlin ein absolutes Highlight für mich. Ich hatte zunächst Bauchschmerzen, ob ich es wirklich schaffen kann, die Strecke mit den Hindernissen zu bewältigen. Beim Anblick der ersten Hindernisse sank mir das Herz in die Hose. Aber als wir zusammen auf der Strecke waren, war jegliche Aufregung verflogen und ich hatte einfach richtig viel Spaß! Wir haben toll als Team zusammengearbeitet und keiner musste sich unter Druck gesetzt fühlen, wenn er oder sie ein Hindernis vielleicht nicht bewältigen konnte oder wollte.

Als wir nach unserem 12 km Lauf gemeinsam durchs Ziel gekommen sind, war ich erschöpft, aber vor allem unglaublich stolz, es geschafft zu haben. Auch zu sehen, wie die anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmer ihre Strecken bewältigten, war unglaublich toll. Ich habe den größten Respekt vor jeder und jedem, der sich trotz ihrer/seiner Einschränkungen der Herausforderung gestellt hat und sie bewältigte. Ich bin mit der größtmöglichen Motivation in meine Heimat zurückgekehrt. Sport war zwar schon immer ein fester Bestandteil in meinem Leben, aber durch die Challenge-MS habe ich viele neue Dinge gelernt, die ich fest etablieren möchte. Ich hoffe sehr, dass das Projekt weitergeführt wird und so noch viele andere Menschen davon profitieren können. Die Kontakte zu den anderen Teilnehmerinnen und Teilnehmern möchte ich weiter pflegen und vielleicht schaffen wir ja eine Art Revival.

Sarina: Meine persönliche Challenge MS

Einen Marathon zu laufen, das haben wohl nicht Wenige auf ihrer Löffelliste stehen - so auch ich seit inzwischen über 10 Jahren. Obwohl ich gerne laufe, habe ich das Ziel nie ernsthafter verfolgt, bis ich im März 2023 die Diagnose MS erhielt. Ob ich mit dieser Erkrankung noch laufen könnte, wie lange und ob der weit entfernte Marathon-Traum noch möglich sei - das beschäftigte mich neben Sorgen, Trauer und Wut in den langen Tagen im Krankenhaus. Ein Hoffnungsschimmer stieg in mir auf, als ich im Internet herausfand, dass es Leute gibt, die dies trotz MS schaffen konnten. Wenn nicht jetzt, wann dann, begann ich mich zu motivieren. Nach der Erholung vom aktuellen Schub, begann ich während der Reha meine Fitness erneut aufzubauen und war erleichtert zu spüren, dass das Vertrauen in meinen Körper neu wuchs.

Der Post über die Challenge-MS auf Instagram begeisterte mich sofort: ein gemeinsames Sport-Event, gemeinsames Online-Training und unterstützende Wissensvermittlung über Sport bei MS. Das war die perfekte Möglichkeit, um mit einem achtsamen Blick auf Körper und Gesundheit sportlich weiterzumachen und mein Langzeit-Ziel Marathon endlich anzupacken. Die gemeinsamen Online-Trainings waren nicht selten schweißtreibend. Alle gaben ihr Bestes, um Ende September diesen Jahres fit für einen Hindernislauf in Berlin zu sein. Leider wusste ich frühzeitig im Training, dass ich bei diesem Lauf aus familiären Gründen verhindert sein würde. Die Taufe meiner Nichte wurde an diesem Tag gefeiert. Als gewagte Alternative meldete ich mich für den Marathon in München an und hielt an meiner persönlichen Challenge fest. Viele Trainingsläufe allein, mit meinem Hund oder mit Lauffreunden standen auf dem Plan, bis meine Aufregung und Freude am 13. Oktober 2024 ihren Höhepunkt fand und ich um 9:10 Uhr tatsächlich die Startlinie passierte. Durchkommen, egal wie lange ich brauche, das war mein Ziel. Mit der freundlichen Erlaubnis an meinen Körper im Hinterkopf, dass ich aufhören könnte und würde, wenn mein Körper dies signalisieren würde. Doch dazu kam es nicht: Ich lief und lief, gleichmäßig in meinem Rhythmus - 42,195 Kilometer mit einem Gefühlscocktail aus Spaß am Laufen, Ärger über den Regen, Hoffen, dass die Beine mitmachen und Freude über isotonische Getränke und Bananenstücke. Durchgetragen wurde ich auch vom Anfeuern meines Mannes und meiner überraschend angereisten kleinen Nichte samt Familie. Mit jedem meiner Schritte stieg ein unbeschreibliches Gefühl von Dankbarkeit in mir auf, das mich überwältigte, als ich nach 4:23 Stunden die Ziellinie erreichte. Als eine freundliche Dame mir die große goldene Medaille umhängte, konnte ich nicht mehr an mich halten und ließ den Freudentränen freien Lauf.

Ich bin unendlich glücklich und stolz, diese Challenge gewagt zu haben und möchte jeden dazu ermutigen an Träumen festzuhalten, trotz der Erkrankung.

Redaktion: DMSG-AKADEMIE - 10.12.2024